Aussegnungshalle Ingelheim in Frei-Weinheim

Realisierungswettbewerb 1. Preis 10/2008
mit urbanegestalt PartGmbB Landschaftsarchitekten (Friedhof)
Realisierung (LPH 1-9) 2010-2012
Bauherr: Stadt Ingelheim am Rhein
BGF: 655 qm
Auszeichnungen:
Gestaltungspreis der Wüstenrot Stiftung 2014
BDA-Preis RLP 2012
best architects 13
Deutscher Architekturpreis 2014
Engere Wahl
Deutscher Natursteinpreis 2013 Nominierung

Friedhof Frei-Weinheim
Die Ingelheimer Stadteile verfügen als ehemals selbständige Gemeinden jeweils über eigene Friedhöfe, die jedoch langsam an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Der Friedhof in Frei-Weinheim soll deshalb in mehreren Etappen als neuer Zentralfriedhof ausgebaut werden. Die vorhandene Aussegnungshalle aus den 60er Jahren genügt bereits heute kaum den Ansprüchen und wird aus diesem Grund durch einen Neubau ersetzt, welcher seinen Platz an der Straße „In den Frenzen“ am neuen Haupteingang im Süden des Friedhofs findet.

Ruhe und Besinnlichkeit
Wesentliches Element der Neugestaltung des Friedhofs sind raumgreifende Bruchsteinmauern aus dem ortstypischen gelb-grauen Naturstein. Diese grenzen als Umfassungsmauern den Friedhof als Ort der Ruhe und Besinnlichkeit von der Straße ab und trennen als Stützmauer den Eingangsbereich von den -aufgrund des nahen Rheins- höher gelegenen Friedhofsteilen für Erdbestattungen. Die Bruchsteinmauern formulieren auch den neuen Haupteingang aus. der gesamte Eingangsbereich wird räumlich architektonisch gefasst. Die Aussegnungshalle wird als Zentrum der Friedhofsanlage selbstverständlicher Bestandteil des Eingangsbereichs, indem sich die Bruchsteinmauern bis in das Innere hinein fortsetzen und verdichten. Es entsteht eine differenzierte Abfolge von Innen- und Aussenräumen mit fein abgestimmten Übergängen. Friedhof und Aussegnungshalle stellen eine gestalterische Einheit dar und werden zu einem untrennbaren Ganzen verbunden.

Abschiednahme
Die Aussegnungshalle selbst soll nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch ein Ort der Hoffnung sein. Sie ist geprägt von einer hellen freundlichen Atmosphäre. Entsprechend ihrer Bedeutung als wichtigstem Raum der Friedhofsanlage wird sie durch ein Satteldach deutlich markiert. Es entsteht so ein Innenraum der gleichsam würdig und feierlich aber auch einfach und angemessen erscheint.

Der Raum wird erschlossen über einen räumlich gefassten Vorhof, wo auch grössere Trauergemeinden der Feier beiwohnen können. Der Innenraum der Halle selbst öffnet sich nach beiden Seiten zu zwei weiteren -eher introvertierten- Innenhöfen. Diese gewährleisten eine gute Belichtung ohne neugierige Einblicke und erzeugen eine kontemplative Stimmung als würdevollen Rahmen für die Trauerfeier.

Die gärtnerische Gestaltung der Höfe bestimmt gemeinsam mit dem Verlauf der Jahreszeiten wesentlich die Atmosphäre im Inneren. Ein entlang der Firstlinie durchlaufendes Oberlicht ergänzt die differenzierte Lichtführung. Der Abschiednahmeraum wirkt intimer und durch gestalterische Elemente wie Holzboden und Schiebetür fast wohnlich. Die Nebenräume finden ihren Platz funktional richtig im Rücken des Gebäudes mit eigener Zufahrt. Der Wirtschaftshof wird unabhängig von der Aussegnungshalle auf dem Friedhof platziert und kann durch die Mauern sowie ein blickdichtes Tor zukünftig vollständig ausgeblendet werden.

Bruchstein und Eichenholz
Die Architektur weist deutliche Bezüge zu regionalen Typologien auf, interpretiert diese aber auf eine zeitgemäßen Art und Weise. Das historisch in Ingelheim vorkommende Bruchsteinmauerwerk (Kaiserpfalz) wird kombiniert mit scharfkantigem Sichtbeton und grosszügigen Verglasungen. Darüber hinaus werden aber auch typische Elemente des Sakralbaus aufgenommen wie das Satteldach, die Lichtführung im Innenraum oder die klösterlichen Innenhöfe. Sämtliche Materialien zeichnen sich durch ihre Wertigkeit und Dauerhaftigkeit aus: Naturstein, Eichenholz, Terrazzoböden, Kupferdach mit matt-grauer Zinnoberfläche.

Fotos: Christian Köhler / Peter Strobel


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